Vom Wesen der Endlichkeit und der freimaurerischen Kunst zu leben
„Was ist Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es. Wenn ich es jemandem erklären will, weiß ich es nicht.“ Mit diesem berühmten Ausspruch brachte Augustin bereits vor über 1600 Jahren unsere fundamentale Not mit einem Begriff auf den Punkt, der unser gesamtes Dasein durchzieht.

Das Rad der Zeit dreht sich unaufhaltsam. Wir können es weder verlangsamen noch anhalten. Wir blicken auf die Uhr, messen Fristen und spüren, wie die Gegenwart im selben Moment verstreicht, in dem wir sie greifen wollen. Strenge genommen gibt es die Gegenwart gar nicht – sie wird augenblicklich zu Vergangenheit. Mit der Zivilisation und der Industrialisierung haben wir die Zeit strukturiert, um unser Zusammenleben zu ordnen. Doch je genauer wir die Zeit messen, desto mehr unterwerfen wir uns ihr.
Martin Heidegger brachte diese existenzielle Erfahrung auf den Punkt: Die Zeitlichkeit prägt das Menschsein zutiefst. Weil unser Dasein auf ein unentrinnbares Ende – den Tod – zuläuft, ist Zeit von Grund auf knapp. Jede Eile, jeder Termindruck der Moderne ist letztlich das Echo dieser existenziellen Knappheit.
Doch wie begegnen wir dieser Endlichkeit?
Die Antike antwortete mit Horaz’ berühmtem Appell: Carpe diem – pflücke den Tag! Nutze die Zeit, solange sie dir gegeben ist. Zeit lässt sich nicht stunden. Aber Zeit lässt sich füllen. Wir können sie vergeuden – oder wir können sie verschenken: an die Familie, an Freunde, an Mitmenschen. Zeit zu schenken ist vielleicht das kostbarste Gut, das wir besitzen.
Für uns Freimaurer bekommt dieser Gedanke eine ganz besondere Tiefe. In der Arbeit an uns selbst begleitet uns das Bewusstsein der Endlichkeit Schritt für Schritt:
Bei der Initiation mahnt uns die Sanduhr an den stetigen, unaufhaltsamen Fluss des Lebens.
Im Ritual hören wir die Frage nach der Zeit. Die Zeit des stärksten Lichts, die Symbolik der Reife, in der wir aufgerufen sind, unser Werk zu beginnen.
Und während das persönliche Leben endlich ist und die Brüder irgendwann in den ewigen Osten eingehen, steht die Freimaurerei zugleich in einem zeitlosen Horizont. Der Bau des inneren Tempels braucht Zeit – er ist ein lebenslanger, Generationen überdauernder Prozess.
Wir stehen also in dem Spannungsfeld zwischen unserer kurzen Lebenszeit und der unendlichen Weltzeit. Zerbrechen wir an dieser Erkenntnis? Nein. Die Einsicht in unsere Begrenztheit schützt uns vor dem Hadern. Sie ruft uns auf, mit Verstand und Herz im Hier und Jetzt zu wirken.
Ich möchte schließen mit den Worten von Rainer Maria Rilke:
„Wunderliches Wort: ‚Die Zeit vertreiben‘ – sie zu halten, wäre das Problem.“
Da wir sie nicht halten können, bleibt uns die Aufgabe, sie zu füllen – mit Sinn, mit Selbsterkenntnis und mit Menschlichkeit. Nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist.