Recht haben oder verstehen? – Das Mosaik der Wahrheit

Und oft ist das nur eine Ilusion – wie die beiden Bilder.

Ein kurzes Wortgefecht, zwei verhärtete Fronten: „Corona war eine Lüge!“ – „Wer das sagt, gefährdet Leben!“ Und schon ist das Gespräch vorbei. Kein Interesse am Gegenüber, nur noch Schwarz oder Weiß. Jeder will nur Recht haben, ohne die Wahrheit zu kennen.

Wir erleben heute eine Kultur der unnötigen Rechthaberei. Oft streiten wir bis aufs Messer darüber, ob eine Fliese nun schwarz oder weiß ist, dabei übersieht unser Tunnelblick das Wesentliche: Keiner von uns kennt die ganze Wahrheit.

Das Musivische Pflaster als ein Bild für Demut

Die Freimaurerei nutzt dafür das Musivische Pflaster – ein Mosaik aus schwarzen und weißen Steinen. Es ist ein Symbol unserer Gesellschaft. Das Wichtige daran? Ein einzelner Stein ist noch kein Muster. Erst das Zusammenspiel der Gegensätze ergibt ein Ganzes.

Heute jedoch bröckelt dieses Mosaik. Wir streiten nicht mehr um die beste Lösung, sondern um die angeblich moralische Überlegenheit.

Wir sind in der Falle der Gewissheit, denn wer sich absolut sicher ist, verliert die Neugier.

Wir glauben die starke fehlerhafte digitale Blase. Algorithmen füttern unser Ego und flüstern uns ein, dass nur wir recht haben. 50% – 60% sicher ist ein Trend und nicht eine Sicherheit.

Müssen wir die Mitte verlieren? Wer differenziert, wird leise. Wer polemisiert, bekommt die Bühne, und verliert, denn er von dem Anderen auch nichts lernen wird.

Die Wahrheit, auch deine Wahrheit liegt in den Zwischentönen, und ist nur deine Wahrheit.

Byung-Chul Han – zeitgenössische Philosoph – beschreibt in seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ treffend, dass uns das „Andere“ abhandenkommt. Als erstes zu lesende Buch von ihm empfiehlt sich „Im Schwarm“.

Wir kommunizieren nur noch mit unserem eigenen Spiegelbild. Doch Brüderlichkeit und Freiheit und damit echtes Miteinander brauchen Reibung.

Es geht nicht darum, jede Meinung zu teilen. Es geht darum, die Arroganz abzulegen, die Welt allein erklären zu können. Ob es um Identitätsfragen, Geopolitik, Armut auf der Welt oder die Pandemie geht: Wir urteilen oft aus einer bequemen Position heraus, ohne die „hundert Schritte in den Schuhen des anderen“ gegangen zu sein.

Ein neuer Weg könnte über das „Stehenlassen“ geführt werden.

Was können wir tun, damit das Mosaik nicht weiter zerbricht?

Wie wäre es mit Zuhören statt Siegen: Ein Gespräch muss keinen Gewinner haben.

Akzeptieren, dass es zwischen Schwarz und Weiß unendlich viele Nuancen gibt.

Wie wäre es mal mit einem Perspektivwechsel. Wie wäre mal auf die Seite meines Gegenübers zu wechseln? Was ist seine Geschichte?

Mein Ziel: Nicht zu werten, sondern nachzuvollziehen. Gerade sollten uns daran erinnern tolerant zu sein, und müssen lernen, Meinungen auch dann auszuhalten, wenn sie uns unbequem sind.

Sei selbst ein mutiger Mosaikstein: offen, neugierig und bereit zuzugeben, dass die Wahrheit meist viel größer ist als unser eigener Standpunkt. Sei ein Freimaurer.

Ovidiu Bretan

Bukarest / Rumänien – 21. März 2026

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